Mein Herz rast. Gefühlte hundert Mädchen laufen immer und immer wieder an mir vorbei, reißen sich die Klamotten vom Leib, nur um dann 5 Minuten später wieder am Bühneneingang in einem völlig anderen Outfit zu stehen. Ich irgendwo dazwischen, ein bisschen verängstigt von den gestressten Tänzerinnen und eigentlich völlig woanders. In wenigen Minuten bin ich dran, dann sitze ich allein auf der Bühne, zum ersten Mal so richtig wirklich. Irgendwo im Dumpfen höre ich dann meinen Namen. Noch so Jung sei ich und würde trotzdem schon meine eigenen Lieder schreiben. Lieder, die eigentlich gar nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Lieder, die mein Tagebuch sind, meine Gefühle für und von anderen, die ich in Akkorde gepresst habe, die ich nun präsentiere im Scheinwerferlicht. Nackt und zitternd, wie meine Hände.
Ich mache die Augen zu, atme ein und dann die Augen wieder auf. Plötzlich sitze ich auf einem Hocker und ein schwarzes Meer erstreckt sich vor mir. Es atmet, flüstert, kichert. Ich spreche in das Meer hinein, das Meer schickt mir eine kleine Welle Gelächter zurück. Jedenfalls glaube ich das wahrzunehmen … zwischen den Herzschlägen. Ich klammer mich an meine Gitarre, wie an einem Rettungsring. Seufze. Spiele.
Und wenn / die Welt unter geht,
ist es vielleicht bald schon zu spät.
Und wenn / die Welt unter geht,
ist der Moment das / was zählt.
Und wenn die Welt unter geht,
kann jeder Tag der letzte sein,
möcht’ ich mit dir zusammen sein.
Ich kämpfe mich durch das Lied, jeder falsche Griff brennt sich in meinem Kopf ein. Mich selber höre ich eigentlich gar nicht. Ich hoffe einfach und lasse mich im grellen Licht treiben. Doch irgendwas pfeift, es wird lauter, bis es mein Herzschlag übertönt. Ich stoppe, schaue nach oben zum Techniker, der heute die Gottesposition eingenommen hat. Warte. Dann spiele ich weiter, mitten im Lied.
Die letzte Saite klingt aus.
“Tschuldigung, aber das Fiepen ging mir echt auf den Keks.”
Das Meer klatscht und lacht. Ich grinse. Fluche ins Mikro rein, als ich falsch anfange und dann das nächste Lied.
Seit Jahr’n sitzt du auf den gleichen Platz / auch ich hab mich nicht gerührt.
Wie du mir täglich den Kopf verdrehst / es ist schon fast unerhört.
Bosse sagt: “Liebe ist leise” / doch ich will sie nur rausschreien.
Was hast du bloß mit mir gemacht / das kann doch wirklich nicht dein Ernst sein.
Das Mikro fällt ganz aus, glaube ich jedenfalls. Egal, ab hier heißt es nur noch mit dem Kopf durch die Wand. Langsam gefällt mir das Licht.
Letztes Lied, mit neuem Mikro. Froh dabei zu sein von Philip Poisel. Wenn sich nur einer danach das Original anhört, habe ich meine Mission erfüllt. Mein Ziel habe ich jedenfalls erreicht. Naja, fast. Nach der Vorstellung tigere ich mit meiner Gitarre zum Ausgang und werde von Menschen beglückwünscht, die ich noch nie gesehen habe. Ich bin geschmeichelt, aber auch verwirrt. Wie reagiert man auf so etwas? Ich bedanke mich höflich und gehe weiter.
Dann sitze ich im Auto. Grinse. Atme aus.
Für nächstes Jahr wurde ich wieder gefragt. Ich freue mich jetzt schon darauf und auf das, was dazwischen kommt.
